Sprechstunde – langweilig oder lehrreich?

Aktualisiert: 23. Jan.

Mal wieder hab ich Spätdienst, also sitze ich den zweiten Tag in Folge in der Sprechstunde. Doch auch wenn heute nur relativ gesunde und mobile Patient*innen im Wartezimmer sitzen, wird mir hier trotzdem nicht langweilig. Lest hier was die präoperative Anästhesie-Sprechstunde in meinen Augen so spannend macht.



Dieser Beitrag enstand für medicus.ch


Mal wieder hab ich Spätdienst, also sitze ich den zweiten Tag in Folge in der Sprechstunde. Doch auch wenn heute nur relativ gesunde und mobile Patient*innen im Wartezimmer sitzen, wird mir hier trotzdem nicht langweilig. Lest hier was die präoperative Anästhesie-Sprechstunde in meinen Augen so spannend macht.

Es ist Dienstag und ich habe Spätdienst. Das bedeutet am Vormittag in der präoperativen Anästhesie-Sprechstunde (PAS) arbeiten, am Nachmittag den OP aus Narkosesicht hüten.

Als ich ankomme, stapeln sich schon die ersten Patientenmappen - es ist viel los. Ich schnappe mir die erste Akte und geniesse eine Tasse Kaffee während der PC hochfährt. Dann geht es los mit den Basics: Was soll denn operiert werden? Gibt es Sonderwünsche (Intubation nasal?) und in welcher Lage (Bauchlage? Kopfstand?)?


Anschliessend geht es ans Aktenstudium, denn erstens, viele Patient:innen kennen ihre eigene Krankengeschichte nur lückenhaft und zweitens, man wirkt professioneller wenn man vorbereitet ist.

Sobald man das Gefühl hat, die Patient*innen besser zu kennen als sie sich selbst und man eventuelle Unklarheiten mit der Oberärzt:in besprochen hat, schreitet man zum Äussersten und tritt den Patient*innen von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Nur um dann festzustellen, dass Novalgin trotz aktenanamnestischer Metamizol-Allergie zum täglich Brot gehört, die Patient*innen nichts von ihrem stattgehabten NSTEMI wissen und die Medikamentenliste schon seit drei Hausarztbesuchen nicht mehr aktuell ist.


Doch richtig aufregend wird es, wenn die Patient*innen bei der Standardfrage, ob er oder sie noch etwas Wichtiges oder Ungewöhnliches erwähnen will, antworten: „Ich hab seit einigen Tagen so einen Druck auf der Brust“. Oder die adipöse Patientin unter oraler Kontrazeption nachdenklich meint, sie habe starke Schmerzen im Unterschenkel gehabt, die dann plötzlich wieder weg waren, ob das schlimm sei?


Und man auf einmal, natürlich zusammen mit den Oberärzt*innen entscheiden muss, ob ein*e Patient*in für eine Operation freigegeben wird. Natürlich gibt es Entscheidungshilfen: Muss der Eingriff sein? Gibt es vielleicht noch etwas, was man verbessern kann bis die Patient*innen operiert werden sollen?


Für einige Probleme gibt es Standardlösungen. Die Patientin kann nicht maskenbeatmet und vermutlich auch nicht konventionell intubiert werden? Dann führt wenig an einem regionalen Verfahren oder einer sogenannten fiberoptisch-wachen Intubation vorbei.


Gerade durch die Rückmeldung der Oberärzt*innen lerne ich so jeden Tag etwas Neues und kann die Fragen der Patient*innen immer besser beantworten. Aber zugegeben, ab und zu hab ich trotzdem ein nervöses Gefühl beim Freigeben der Operation.

Hätte es noch eine weitere Blutentnahme gebraucht? War die Actrapid-Infusion gerechtfertigt? Und hätte die nervöse Patientin von einer Prämedikation mit 3.75 mg Dormicum profitiert?


Doch wenn man dann ein paar Tage später die Patient*innen im Operationssaal wiedersieht oder nochmal kurz in ihre Akte schaut und feststellt, dass alles gut gegangen ist, macht sich die Erleichterung breit. Und einmal mehr hat man etwas dazu gelernt.


Bis zum nächsten Mal, träumt was Schönes!


Eure Ann-Kathrin

30 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen